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Neue Hoffnung gegen Krebs? (DONNA Magazin 02/2017)

Es gibt eine vielversprechende Therapie gegen die tödliche Krankheit. Die Immunonkologie soll unsere Abwehrkräfte so aktivieren, dass Krebszellen keine Chance mehr haben. Wie funktioniert Sie?

Interview: Katja Dreissigacker

Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr rund 500 000 Menschen an Krebs – etwa jeder vierte Todesfall ist Tumoren und Metastasen geschuldet. Chemo-, Antihormon- und Antikörpertherapien verbessern die Prognose der Patienten, doch bei besonders aggressivem oder zu spät erkanntem Krebs sind die Ärzte oft machtlos. Nun gilt die Immunonkologie – eine Therapie, die das Immunsystem dahingehend aktiviert, Krebszellen zu erkennen und zu bekämpfen – als die neue große Hoffnung. Aktuell laufen zu dieser Therapie weltweit rund 200 Studien, bei Lungenkarzinom und schwarzem Hautkrebs ist sie bereits zugelassen. Dazu führten wir ein Interview mit dem Dermato-Onkologen Prof. Dr. Axel Hauschild aus Kiel, einem Mediziner, der die Immunonkologie als große Retterin im Kampf gegen Krebs sieht.

 

DONNA: Herr Professor Hauschild, was kann die Immunonkologie konkret bewirken?

Axel Hauschild: Die Therapie ist geeignet für Patienten im fortgeschrittenen Krebs-Stadium. Mit der Immuntherapie können wir die Lebenszeit dieser Menschen verlängern und sogar die Chance auf Heilung in den Raum stellen.  Zum Vergleich: Ohne Therapie gibt es kaum eine Hoffnung, einige Monate zu überstehen, mit einer Chemo erreichen wir nur zwischen fünf und zehn Prozent Langzeitüberleben. 

DONNA: Wie läuft die Behandlung ab?

Axel Hauschild: Alle zwei bis drei Wochen bekommt der Patient eine Infusion. Eine festgelegte Therapiedauer gibt es nicht. Nur drei bis fünf Prozent der Patienten müssen die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen abbrechen. 

DONNA: Ersetzt die Immunonkologie mittlerweile die Chemotherapie?

Axel Hauschild: Ja, komplett! Eine Chemo wird nur noch gemacht, wenn sonst nichts mehr hilft. Die Überlebenszeiten mit der Immuntherapie sind viel besser. 

DONNA: Und wie genau funktioniert die neue Therapieform?

Axel Hauschild: Unsere T-Zellen, auch T-Lymphozyten genannt, gehören zur Abwehr des Immunsystems. Diese können Tumorzellen attackieren. Allerdings nur, wenn die Tumorzelle auf ihrer Oberfläche, Eiweiße, sogenannte Antigene, präsentiert, die vom Immunsystem als Fremdkörper erkannt werden. Doch leider kann die Tumorzelle auch eine Resistenz entwickeln und das Eiweiß maskieren. Sie fährt sozusagen ihren Fühler ein und bleibt inkognito. Der Grund dafür ist in der Evolution begründet. Jede Zelle will schlichtweg überleben und sich möglichst rasch vermehren. Über ein Richtig oder Falsch wird hierbei nicht entschieden. 

DONNA: Also können T-Zellen Tumoren in der Regel gar nicht erkennen?

Axel Hauschild: Genau. Erschwerend kommt hinzu, dass Krebszellen sogenannte Immun-Checkpoints manipulieren können. Das sind Steuermoleküle auf der Oberfläche der T-Zelle, die deren Aktivität beschleunigen oder drosseln. Die Krebszellen senden, gefälschte Stoppsignale und verlangsamen damit die T-Zellen-Aktivität. Und im Gegenzug können die Krebszellen ungehindert wachsen. 

DONNA: Diese Stoppsignale konnte man mit der Immuntherapie erstmals ausschalten?

Axel Hauschild: Ja, man verabreichte sogenannte Antikörper gegen das auf der Oberfläche der T-Zelle sitzende Protein CTLA-4 und schwächte so seine Wirkung.Damit löste man die Bremse und aktivierte die T-Zelle, wieder ihren eigentlichen Abwehr-Job zu machen. Das war 2010. Leider hatte das ganze einen entscheidenden Nachteil.

DONNA: Welchen?

Axel Hauschild: Bei der Gabe von CTLA-4-Antikörpern traten bei etwa 30 Prozent der Patienten Autoimmunerkrankungen auf. Bei vielen führte das zum Abbruch der Therapie, bei manchen war die Gefahr sogar lebensbedrohlich. Deshalb musste die Medikamentengabe gestoppt werden. 

Wie ging es dann weiter?

Axel Hauschild: 2012 kam ein neues Mittel für die Immuntherapie auf den Markt, eben der PD-1-Antikörper. PD steht für „programmed cell death“, den programmierten Zelltod. Das Prinzip ist ähnlich wie bei der ersten Immuntherapie, bloß greift PD-1 die Tumorzellen nicht in der frühen Primingphase an, sondern erst später, in der Effektorphase. Und dabei treten tatsächlich zwei Drittel weniger Nebenwirkungen auf, das macht das Medikament viel besser verträglich. Zusätzlich verdreifacht sich die Wirkung. 2015 dann wurden den zwei PD-1-Arzneimittel von Bristol-Myers Squibb und Merck Sharp & Dohme für die Behandlung von schwarzem Hautkrebs und Lungenkarzinom zugelassen. Beide haben die gleiche Wirkung. 

DONNA: Wie sieht es mit den Kosten für die Immuntherapie aus?

Axel Hauschild: Die Jahreskosten liegen derzeit pro Patient und Therapie bei etwa 100 000 Euro. Neben den privaten übernehmen übernehmen das auch die gesetzlichen Krankenkassen. 

DONNA: Was können Sie zur Lebensqualität während der Behandlung sagen?

Axel Hauschild: Die neuen Medikamente schaffen es nicht nur, die Lebenszeit zu verlängern, sondern auch, die verbleibende Zeit mit Leben zu füllen. Es geht nicht darum, sechs Monate länger zu leben und fünf davon in der Klinik zu sein. Bei den neuen Melanom-Medikamenten haben Patienten zumeist eine gute Lebensqualität. Viele können sogar ihrer Arbeit oder anderen Beschäftigungen nachgehen.

DONNA: Warum ist die Therapie bisher nur bei schwarzem Hautkrebs und Lungenkarzinom zugelassen?

Axel Hauschild: Aus den Studien wissen wir, dass Tumoren mit einem klar krebsauslösenden Stoff, dem sogenannten Karzinogen, besonders gut auf die immunonkologischen Medikamente ansprechen. Beim schwarzen Hautkrebs ist UV-Licht das Karzinogen, bei Lungenkrebs Tabak. Je stärker die Schädigung durch das Karzinogen, desto klarer ist eine bestimmte genetische Struktur eines Tumors zu erkennen. Also je stärker die Signatur, desto besser ist das  therapeutische Ansprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass starke Raucher im Vorteil sind. Im Gegenteil, ihre Grunderkrankung ist eben schwerer. In den USA ist die Immuntherapie auch schon bei Blasenkrebs zugelassen. Gute Daten, aber noch keine Zulassungen existieren außerdem für Kopf-Hals-Tumoren und den weißen Hautkrebs. 

DONNA: Sprechen alle Patienten mit schwarzem Hautkrebs auf die Therapie gut an?

Axel Hauschild: Nein, nur circa die Hälfte aller Patienten. Nicht jeder Tumor ist immunsensitiv. Das liegt wahrscheinlich daran, dass nicht jeder Tumor genügend Fremdeiweiße aufweist. Wenn das der Fall ist, kann ihn das Immunsystem leider nicht erkennen. 

DONNA: Kann man vorab testen, ob eine Immuntherapie anschlagen wird?

Axel Hauschild: Theoretisch könnte man Tumorgewebe entnehmen und schauen, wie viele Mutationen sich darin befinden. Aber das ist noch Zukunftsmusik. 

DONNA: Was wird der nächste Schritt in der Forschung sein?

Axel Hauschild: Die Frage, die wir lösen müssen: Wie kombinieren wir in der Immuntherapie welche Medikamente und in welcher Reihenfolge tun wir das? Was hat die beste Verträglichkeit? Am Ende interessiert uns, ob man mit der Therapie die Tumorfreiheit bewahren kann beziehungsweise wie man die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankungen möglichst lange ausdehnen kann. Auch die Prophylaxe gegen Krebs ist ein wichtiges Thema.

DONNA: Also dem Krebs schon vor seiner möglichen Entstehung den Kampf ansagen?

Axel Hauschild:  Exakt. Wenn man die Bildung von Metastasen verhindern kann, ist das besser, als erst zu behandeln, wenn sie schon groß sind. Menschen haben den Irrglauben, dass der Krebs besiegt ist, wenn der Primärtumor entfernt wurde. Die Gefahr, dass der Krebs zurückkommen kann, müsste uns viel bewusster sein. 

 

 

GESUNDHEIT – DONNA MAGAZIN (02/2017)

DONNA MAGAZIN 02/17

 

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